Lleida-Austausch: Katalonien für Anfänger

lleida-450Frierende Finger auf dem Fahrrad, durchnässte Schuhe auf dem Schulweg und verregnete Wochenenden. Hurra, der Herbst ist da. Höchste Zeit, Hamburg gen Süden zu verlassen. Schon allein deshalb war es eine kluge Entscheidung von 17 Bondenwäldern, beim Lleida-Austausch in Spanien mitzumachen.

Darüber hinaus haben unsere Schüler noch jede Menge pädagogisch wertvoller Erfahrungen mit nach Hause gebracht.
Zum Beispiel die sehr körperbetonten Kennenlernspiele, bei denen die Kinder sich zu einer menschlichen Pyramide auftürmten oder sich blind gegenseitig die Schuhe auszogen. Letzteres für beide Seiten vermutlich unangenehm. Peinliches Schweigen kam so zumindest nicht auf.
Oder den spanischen Tagesrhythmus, den sie am zweiten Tag eindrucksvoll erleben durften: Der Familienausflug am Wochenende in den Freizeitpark "Portaventura" endete erst um drei Uhr nachts.
Oder die Fiesta mit Schülern, Eltern, Lehrern, Kindern von Lehrern. Und alle saßen zusammen am Tisch, aßen, tranken und duzten sich.
Oder unsere Partnerschule "St. Jaume - Les Heures", die unterschiedlicher vom Bondenwald nicht sein könnte. Die kleine Privatschule befindet sich im Herzen Lleidas an einer großen Plaza. Pro Jahrgang gibt es nur eine Klasse. Die Schüler teilen sich fünf Stockwerke eines Mietshausblocks. Aber bekanntlich ziehen sich Gegensätze ja an und so lautete der erste Kommentar einer Schülerin per WhatsApp: "Man fühlt sich fast wie zu Hause".
Unsere spanischen Gasteltern kümmerten sich nämlich äußerst herzlich um die Kinder, kochten, organisierten, kutschierten und redeten, dass keine Langeweile geschweige denn Heimweh aufkommen konnte. Sie sprachen sogar Spanisch in der Familie, denn viele von ihnen reden untereinander sonst Katalanisch. Zum Glück sind alle Katalanen zweisprachig. Für das Nötigste bekamen unsere Schüler noch einen kurzen Crashkurs in "Català".
Das Verhältnis des wirtschaftlich starken Katalonien zum spanischen Zentralstaat ist seit jeher gespannt, was sich besonders am Tag der "Fiesta de la Hispanidad" zeigte. Keine Fahne, kein Umzug, kein Churro-Stand. Nichts deutete auf einen offiziellen Feiertag hin. "Warum soll das Abschlachten von Indianern bei der Eroberung Amerikas ein Grund zum Feiern sein?", merkte dazu ein Gastvater an.


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Die Ablehnung geht sogar so weit, dass manche Amtsstuben am zentralistisch verordneten Feiertag öffneten. Nicht umsonst haben die Katalanen den Ruf als die Preußen Spaniens, die sogar am Feiertag arbeiten. Das Thema begegnet einem praktisch überall: Als ich in einem Kino nach Filmen auf Spanisch fragte, bekam ich eine flammende Rede über die Unabhängigkeit Kataloniens als Antwort.
Der katalanischen Identität kamen wir bei unserem Ausflug nach Barcelona weiter auf die Spur. Die extravaganten Bauten des Architekten Gaudí geben der Metropole ein eigenes Gesicht, das sich von der Hauptstadt Madrid deutlich abhebt. Auftraggeber waren meist mächtige Industriellenfamilien, die als Zahlmeister Spaniens bis heute nach Unabhängigkeit der Region streben.
Die Schüler selbst waren so angetan von der Stadt, dass sie in ihrer freien Zeit gleich einen Teil ihres Taschengeldes investierten, vor allem in Textilwaren. Dafür hörten sie sich auch artig die Erklärungen der Geschichtslehrerin an.
Im zweiten Teil der Woche holten uns dann die nassen Füße doch noch ein. Massive Regengüsse füllten den fast versiegenden Fluss "Segre", der die Stadt teilt, wieder auf. Die Lleidataner waren sichtlich erfreut, denn die Region hat in den letzten Jahren immer mehr mit Trockenheit zu kämpfen. Wir konnten dadurch leider nur den nicht überschwemmten Teil des Tierspitals besichtigen, in dem verletzte heimische Arten wie Geier, Schildkröten und Füchse ihren Lebensabend verbringen. Auch beim Besuch der Kathedrale "La Seu" und dem Kloster "Poblet" regnete es in Strömen. So wurde uns umso mehr bewusst, dass die mittelalterlichen Mönche damals trotz Zölibat und Armut hinter den wuchtigen Mauern ein vergleichlich komfortables Leben führen konnten.
Sichtlich müde von dieser intensiven Woche schleppen sich Schüler, Eltern und Lehrer am Abend vor der Abreise zum letzten Ausflug, den uns unsere spanische Kollegin Rosa spontan organisiert hatte. "Puh, noch ein Programmpunkt", stand den meisten Schülern ins Gesicht geschrieben, zumal sie sich möglicherweise nicht so viel davon versprachen, beim Training irgendeines urigen Volkssports zuzuschauen. Als die Schüler aber sahen, wie sich die Teilnehmer spektakulär zu den "Castellers", Menschentürmen von bis zu zehn Stockwerken, aufbauten, waren alle sofort hellwach. Und wir durften sogar mitmachten. Während einige Schüler und Eltern das so genannte Erdgeschoss stützen, kletterten die erfahreneren Sportler aneinaner empor und stellten sich dem Untermann auf die Schultern. Ganz oben: Kinder im Grundschulalter. So kamen wir immerhin auf fünf Stockwerke. Für alle auf jeden Fall "una pasada", ein unvergesslicher Abend voll Ehrfurcht, Schweiß und Adrenalin.
Am nächsten Morgen folgte der Abschied, für die meisten herzlich und emotional, für wenige auch mit einer Prise Erleichterung. Denn auch wenn sich alle gut verstanden, hatten sich nicht alle Austauschpartner gleichviel zu erzählen. Manche wurden in der kurzen Zeit beste Freunde und mehr und ein paar Wenige lernten, wie man sich auf Spanisch anschweigt oder stritten auch mal. Dazwischen gab es alle Nuancen. Insgesamt war es eine schöne Reise. Danke an alle, die den Austausch möglich gemacht haben. Wir freuen uns auf das nächste Mal.

Birte Oggesen und Jost Fromhage

© Gymnasium Bondenwald 2017

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